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Urban Mobility Start-ups

Wie Städte die Krise nutzen könnten

Die Coronakrise hat die drängendsten Herausforderungen von Städten einmal mehr verstärkt. Doch die Pandemie könnte auch eine Chance sein, Städte in Europa dauerhaft zu verändern. Das Europäische Institut für Innovation und Technologie EIT nutzt die Gelegenheit und fördert Start-ups, die kurzfristige Lösungen für aktuelle Probleme bieten.

Das „urbane Millennium“, so wird unsere Zeit von den Vereinten Nationen bezeichnet. Seit 1950 hat sich die Einwohnerzahl in den Städten rund um die Erde mehr als vervierfacht. Schon in 30 Jahren werden bis zu 80 Prozent der Weltbevölkerung im urbanen Raum leben. Gleichzeitig erfährt die Stadt ihren Niedergang: Viele Innenstädte wirkten schon vor der Pandemie verwaist oder zumindest austauschbar, die Coronakrise hat diese Entwicklung weiter dramatisiert. Nähe und Geselligkeit werden zur Gefahr, Touristen bleiben zu Hause und der Einzelhandel fürchtet, etwa in Deutschland, dass fast die Hälfte aller Geschäfte schließen muss.

Während die Innenstadt verödet, steigt der Stresspegel auf den Straßen. Auch diese Dynamik hat die Pandemie weiter verstärkt, unter anderem durch die sprunghafte Zunahme von Onlinehandel und Paketzustellungen sowie die vermehrte Nutzung des privaten Pkws. Der Mobilitätsreport 03 vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) aus dem Dezember 2020 zeigt, dass im Herbst 2020 41 Prozent der Befragten aus Deutschland von Bus und Bahn auf den privaten Pkw umgestiegen sind. Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Innofact im Auftrag von Autohersteller Kia aus dem Februar 2021 setzt sich bei den Jüngeren sogar mehr als die Hälfte jetzt für Fahrten ins Auto, die sie vor der Pandemie mit öffentlichen Verkehrsmitteln erledigt haben.

Krise als Chance für Städte

Doch die Pandemie könnte auch eine Chance sein, Städte dauerhaft zu verändern. So könnten sie grüner statt immer dichter werden. Sie könnten Mobilität und Logistik clever integrieren, statt immer mehr Verbote aufzustellen. Und sie könnten so attraktive Angebote schaffen, dass die Menschen ihren Pkw gern stehen lassen. Raül Feliu ist Business Creation Manager des Programms ScaleTHENGlobal am EIT Urban Mobility, das darauf abzielt, das Wachstum vielversprechender Start-ups zu fördern und sie mit Städten zusammenzubringen. „Mithilfe von Pilotprojekten wollen wir innovative Mobilitätslösungen dem Markt und den Bürgern näherbringen“, sagt Feliu. Das EIT Urban Mobility wird vom Europäischen Institut für Innovation und Technologie EIT (Europäisches Institut für Innovation und Technologie), einem Institut der Europäischen Union, unterstützt. Das EIT Urban Mobility ist eine Innovationsgemeinschaft, die die Zusammenarbeit zwischen Städten, Industrie, Wissenschaft und Forschung erleichtert und die Herausforderungen für Städte in ihren Fokus stellt. Die Coronakrise hat das EIT zum Anlass genommen, das Beschleunigerprogramm SPECIAL: COVID-19 ins Leben zu rufen. Ziel war es, Ideen aus dem Mobilitätssektor zu unterstützen, die gleichzeitig auf drängende Herausforderungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie abzielen. 23 Start-ups aus der EU nahmen an diesem einmaligen Programm teil und erhielten Expertenwissen und Workshops mit Fokus auf die Auswirkungen der Pandemie.

„Im Moment dominiert in den meisten europäischen Städten das Auto. Hier möchte ich eine echte Veränderung sehen – und bequeme und nachhaltige Alternativen für lebenswerte Orte fördern. Wir brauchen mehr aktive Mobilitätslösungen, um die Innenstädte fußgänger- und fahrradfreundlicher zu gestalten. Wir wollen den Platz, der derzeit von privaten Pkws eingenommen wird, zurückgewinnen – für grüne Zentren, die Optionen für nichtmotorisierte Mobilität und öffentliche Verkehrsmittel bieten“, so Feliu. Das erfordere ein Umdenken in der mittel- bis langfristigen Stadtplanung mit agilen Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit zwischen Städten und Start-ups. Doch die noch größere Herausforderung für Städte sei Flexibilität und die rasche Adaption an aktuelle Trends: „Wir brauchen Lösungen, die den Umgang mit Mikromobilität, Letzte-Meile-Logistik, Klimaschutz und Platzproblemen kurzfristig lösen.“

 

Mitchell Johnson
Das Hamburger Start-up Nüwiel hat einen batteriebetriebenen Lastenanhäger für Radfahrer und Fußgänger entwickelt (Foto: Nüwiel)

Städte im Wandel: mehr Flexibilität und Lebensqualität

Im Pitch des SPECIAL-COVID-19-Programms des EIT Urban Mobility ScaleTHENGlobal durchsetzen konnte sich unter anderem das Hamburger Start-up Nüwiel, das eine sofort einsetzbare Lösung für die Letzte-Meile-Lieferung bietet. Die Gründer Natalia Tomiyama und Fahad Khan entwickelten einen elektrischen, batteriebetriebenen Lastenanhänger, mit dem Radfahrer (und Fußgänger) bis zu 150 Kilogramm Last ohne körperliche Anstrengung hinter sich herziehen können. Zielkunden sind Paketdienste, Händler und Städte. Schon jetzt kooperiert das Start-up mit Kunden wie UPS und Ikea.

„Die Probleme von Städten sind vielfältig. Das größte: Sie haben keinen Platz“, sagt Tomiyama. „Unser E-Trailer erreicht jede Ecke der Stadt, er ist in wenigen Sekunden mit jedem Fahrrad verbunden, kann Güter auf Straßen, Fahrradwegen, in Fußgängerzonen und innerhalb von Gebäuden transportieren und braucht keinen Parkplatz.“ Doch Tomiyama betont auch, dass es nicht nur eine Lösung für Städte gebe. „Es ist die Kombination aus verschiedenen digitalen Mobilitätslösungen, innovativer Hardware und multimodaler Infrastruktur, die für einen nachhaltigen Wandel zu mehr Flexibilität und Lebensqualität notwendig ist.“

Raül Feliu
Will der Dominanz der Autos in den Städten etwas entgegensetzen: Raül Feliu von EIT Urban Mobility (Foto: EIT)

Von temporären zu permanenten Lösungen

Weitere Gewinner des EIT Urban Mobility ScaleTHENGlobal-Programms sind das französische Start-up Urban Radar und das tschechische Start-up eParkomat. Beide liefern ebenfalls schnelle Lösungen. Urban Radar will mit einer maßgeschneiderten Cloud-Plattform in einem Pilotprojekt das Bordsteinmanagement und die städtische Logistik in Barcelona optimieren. eParkomat hilft Städten bei der Lösung des Parkproblems und hat ein erfolgreiches Pilotprojekt in Ostrava abgeschlossen. Ihre Plattform verwendet KI- und anonymisierte Daten von Mobilfunkbetreibern, liefert und analysiert die Parkbelegung in Echtzeit und hilft Fahrern, verfügbare Parkplätze und Ladeflächen zu finden.

Wie unter einem Brennglas werden die Probleme der Städte in der Coronakrise deutlich, doch die Pandemie hat auch Bewegung in neue Lösungsansätze gebracht. „Jetzt ist es spannend zu sehen, wer den Wechsel von temporären zu permanenten Lösungen findet“, sagt Raül Feliu. „Langfristige Veränderungen sind essenziell. Wir haben ein Ziel: Bis 2030 sollen 90 Prozent unserer Mitgliedsstädte den Verkehr in ihren Zentren um die Hälfte reduziert haben. Und ich spreche nicht von Pilotprojekten, sondern von implementierten Lösungen, die städtische Räume lebenswerter machen.“

Beres Seelbach, CEO und Gründer Onomotion GmbH
Beres Seelbach, CEO und Gründer Onomotion GmbH

„Ich wünsche mir, dass Städte in Zukunft den Platz an den Menschen ausrichten und Autos weniger Vorrang erhalten. Dazu gehört auch, den Warenwirtschaftsverkehr anzuerkennen. Der Warentransport ist notwendig und wächst stetig. Auf den Straßen zeigt sich dies durch zugeparkte Straßen, Staus und Transporter, die in zweiter Reihe parken. Unser E-Cargobike ,ONO’ ist effizienter, leiser, schneller, schlanker als ein herkömmlicher Transporter und dabei komplett emissionsfrei. Skalieren wir dies, kann der gesamte urbane Lieferverkehr damit geleistet werden.“

Beres Seelbach, CEO und Gründer Onomotion GmbH

Andreas Schumann, Vorsitzender BdKEP Bundesverband des Kurier-Express-Post-Dienste e. V.
Andreas Schumann, Vorsitzender BdKEP Bundesverband des Kurier-Express-Post-Dienste e. V.

„Eine große Herausforderung ist das ausgewogene Miteinander von Lieferverkehren sowie Bevölkerung, Einzelhandel, Verwaltung und Politik. Zustellfahrzeuge scheinen omnipräsent, jedoch machen sie tatsächlich nur einen Bruchteil des Verkehrsaufkommens aus. Trotz stark wachsender Liefermengen steigen die Fahrzeugzahlen nur wenig an. Corona hat das Thema deutlich mehr in die öffentliche Wahrnehmung gerückt.“

Andreas Schumann, Vorsitzender BdKEP Bundesverband des Kurier-Express-Post-Dienste e. V.

Tobias Lochen, CEO und Gründer der sigo GmbH
Tobias Lochen, CEO und Gründer der sigo GmbH

„Der Platzmangel in den Städten wird immer deutlicher. Wir brauchen intelligente Lösungen, die weniger Platz benötigen und eine CO2-freie Fortbewegung ermöglichen. Hier sind E-Lastenräder die perfekte Lösung. Sie ENTlasten die Städte, sind leise, benötigen weniger Platz und in der Herstellung weniger Ressourcen.“

Tobias Lochen, CEO und Gründer der sigo GmbH

 

Philippe Rapin, CEO Urban Radar
Philippe Rapin, CEO Urban Radar

„Die Logistik erlebt eine Revolution auf der ganzen Welt. Die Volumina auf der letzten Meile steigen vor allem durch neue Konsum- und Distributionsmodelle. Die Pandemie beschleunigt den Übergang. Gleichzeitig stellen Städte und Lieferflotten auf umweltfreundliche und effizientere Lieferungen um. In diesem Zusammenhang beobachten wir eine wachsende Co-Abhängigkeit zwischen den öffentlichen und privaten Akteuren. Unser Wunsch für die Zukunft ist, dass die Neugestaltung des öffentlichen Raums durchdacht und effizient für das Gemeinwohl angegangen wird: bessere Städte und effizientere Geschäftsmodelle.“

Philippe Rapin, CEO Urban Radar

Christian Lademann, Head of Sales und Marketing Vowag GmbH
Christian Lademann, Head of Sales und Marketing Vowag GmbH

„Lastenräder sind klimafreundlich und leise, sie behindern den Verkehr nicht und können Kleintransporter und vielleicht sogar Lkws in den Metropolen ersetzen. Außerdem sind sie ein sympathischer Hingucker und damit ein Imagegewinn für Nutzer und Unternehmen.“

Christian Lademann, Head of Sales und Marketing Vowag GmbH

 

Dr. Arne Kruse, CEO RYTLE GmbH
Dr. Arne Kruse, CEO RYTLE GmbH

„Unser Ziel ist, die Logistik auf der letzten Meile mit einer ganzheitlichen und nachhaltigen Lösung zu revolutionieren. Dafür bieten wir ein smartes Konzept, welches Elektrofahrzeuge (Cargobikes), innovative Wechselsysteme wie Hubs und Boxen mit eigenem Serviceangebot und der passenden Software verbindet. Für die Entwicklung solcher Lösungsansätze ist die Zusammenarbeit aller Interessensgruppen und Stakeholder nötig.“

Dr. Arne Kruse, CEO RYTLE GmbH

Urbane Mobilität auf der Hypermotion

Akteure aus den Bereichen Automobil, Transport und Logistik treffen sich vom 14. bis 16. September 2021 in der Frankfurter Festhalle, um auf der Hypermotion die Mobilität von morgen zu gestalten. Auf der Innovationsplattform werden Themen wie Intermodalität, Smart Logistics, alternative Antriebe und die Herausforderungen der letzten Meile diskutiert. Ein besonderes Forum bietet die Messe innovativen Start-ups, die smarte Lösungen in Mobilität und Logistik entwickeln.

Future Mobility Park

Gemeinsam mit der Automechanika präsentiert die Hypermotion einen innovativen Test- und Erlebnisparcours, bei dem die Besucher der Messe einen Eindruck von der Mobilität der Zukunft erhalten und die Fahrzeuge selbst ausprobieren können.

 

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  • Future Mobility