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Interview: Prof. Chirine Etezadzadeh

Gutes Leben in der Smart City

Lange wurden vor allem die technischen Aspekte der Smart City diskutiert, nun wird das Thema immer enger mit unserer Lebenswirklichkeit verknüpft. Prof. Chirine Etezadzadeh ist Gründerin und Leiterin des SmartCity.institute und begleitet die Entwicklung seit über zehn Jahren. Im Interview erklärt sie, wo wir stehen und warum die intelligente Stadt heute so präsent ist wie nie.

Die Smart City ist so präsent wie nie!“, erzählt Prof. Chirine Etezadzadeh, Leiterin des SmartCity.institute. (Foto: Mehmet Werner)
Die Smart City ist so präsent wie nie!“, erzählt Prof. Chirine Etezadzadeh, Leiterin des SmartCity.institute. (Foto: Mehmet Werner)

Die Corona-Pandemie hat die Frage nach „dem guten Leben“, insbesondere in Städten, neu aufgeworfen. Während des Lockdowns waren die Straßen leer, die Luft war sauberer und die Stadt leiser. Was macht eine lebenswerte Stadt für Sie aus – und was hat das mit einer Smart City zu tun?

Eine lebenswerte Stadt oder Gemeinde ist für mich eine nachhaltige und resiliente Kommune, die sich ein gutes und lebendiges Miteinander in einem schönen, grünen, sauberen und individuellen Umfeld als Ziel setzt.

Wir haben das lange Zeit sehr technisch diskutierte Thema Smart City mit der Lebenswirklichkeit in Deutschland und Europa verknüpft. Mit neuen Technologien und smarten analogen Lösungen wollen wir gemeinschaftlich definierte Ziele erreichen und gleichzeitig unsere Lebensgrundlagen bewahren und schützen.

Die Basis bilden die Freiheitsrechte des Einzelnen, ergänzt um ein zeitgemäßes, faires Wirtschaften. Nur so werden wir auch in Zukunft die Möglichkeit haben, unser Konsum- und Verbrauchsverhalten so zu gestalten, dass unsere Lebenswelt entschlackt wird.

In vielen Branchen wirkte Corona als Beschleuniger von Digitalisierung und Innovation. Viele Ideen und Konzepte, die wir vorher lange und ausgiebig diskutiert haben, wurden jetzt „einfach mal gemacht“. Außerdem wurde vielerorts kooperativer und partnerschaftlicher zusammengearbeitet. Wie haben Sie das beim Thema Smart City erlebt?

Das Interesse am Thema Smart City erlebt seit Langem ein enormes Wachstum, was ich seit zehn Jahren mitverfolge. Das Thema ist derzeit, auch in Deutschland, so präsent wie nie, unter anderem weil erkennbar wurde, dass wir im Pandemie-Geschehen von Smart-City-Entwicklungen hätten proftieren können.

In unserer Videoserie „Have a Tea with Dr. E – Wie geht es Deutschland?“ zeigen wir die von Ihnen geschilderte Entwicklung sehr deutlich auf. An Alltagsbeispielen, die uns alle betreffen, arbeiten wir heraus, was in den Wochen des vermeintlichen Stillstands in unserem Land passiert ist, wo wir stehen und welche Entwicklungsrichtung wir einschlagen sollten.

Natürlich hat die Pandemie Kernbereiche der Smart-City-Entwicklung beeinflusst. Beispielsweise in den Bereichen Governance, also in der Verwaltung, oder beim Lernen und Arbeiten werden die gemachten Erfahrungen die Entwicklungen beschleunigen. Bei der Mobilitätswende ist andererseits zu befürchten, dass die Ereignisse zunächst negative Effekte haben werden.

Im Grunde wurde jeder Lebensbereich durch das Geschehen tangiert, und jetzt gilt es, das Beste aus den gewonnenen Erkenntnissen zu machen. An Konzepten fehlt es meines Erachtens nicht. Wir sollten aber auch in andere Regionen der Welt schauen, um aus deren Erfahrungen zu lernen.

Welche Rolle spielt Mobilität in einer Smart City?

Mobilität ist sehr wichtig in einer Smart City. Die Mobilität sorgt maßgeblich für das Funktionieren einer Stadt oder Gemeinde. Maßnahmen im Bereich des Personen- und Gütertransports werden sofort erlebbar. Daher prägen die Mobilitäts- und Transportangebote die Lebensqualität und das Image einer Stadt oder Gemeinde entscheidend mit.

Im Mobilitätsbereich gibt es zahlreiche smarte Lösungen, die es im Rahmen eines Gesamtkonzepts anzuwenden gilt. In dem Buch „Smart City – Made in Germany“ haben wir verschiedene zukunftsweisende Ansätze vorgestellt.

2015 ist ihr Buch „Smart City – Stadt der Zukunft?“ erschienen, Anfang 2020 nun „Smart City – Made in Germany“. Welche Entwicklung hat die Smart City in diesen fünf Jahren genommen?

In Deutschland ist das Thema in den Stadtverwaltungen und bei den kommunalen Unternehmen angekommen. Es wird nun nach Wegen gesucht, unsere schon heute sehr funktionsfähigen Kommunen sinnvoll, koordiniert und im Sinne eines guten Lebens weiterzuentwickeln.

Dabei stellt sich die Frage nach der Aufgabenverteilung und der Finanzierung. Während wir die Aufgabenverteilung definieren können, bleibt die Frage der Finanzierung eine Herausforderung. Insbesondere in der aktuellen wirtschaftlichen Gesamtlage. Das Investment muss aber getätigt werden.

Vor allem der asiatische Raum ist uns beim Einsatz moderner Technologien weit voraus. Dinge, die wir in China oder Korea in Anwendung sehen, sind für uns Teile von möglichen Zukunftsbildern.

Was sind die nächsten Schritte, die es auf dem Weg zu Smart Citys zu bewältigen gilt?

Deutschland und Europa sollten einen strategischen gesellschaftlichen Entwicklungspfad entwickeln, der ein positives Zukunftsbild verfolgt, das von breiten Mehrheiten getragen wird. Heute können die Kommunen diese Entwicklung mit großer Individualität beginnen und dabei vieles ausprobieren, Erfahrungen teilen und voneinander lernen.

Wenn eine Smart City aber von der Geisteshaltung getragen werden soll, wie wir sie in unserem „Blisscity“-Ansatz beschreiben (Blisscity: Stätte des Glücks), brauchen wir mehr als Regulierung und technischen Fortschritt. Wir brauchen die veränderte Haltung jedes Einzelnen, eine Haltung, die sich für die Bewahrung der Schönheit und Vielfalt dieser Welt sowie für Gerechtigkeit einsetzt.

Prof. Chirine Etezadzadeh

Prof. h. c. Dr. Chirine Etezadzadeh gründete und leitet das SmartCity.institute in Stuttgart. Seit bald zehn Jahren gestaltet sie mit zahlreichen Projekten, Publikationen und Veranstaltungen sowie als Beraterin die Smart-City-Entwicklung mit. Von 2014 bist 2016 hielt Prof. Etezadzadeh Vorlesungen zum Thema „Produktentwicklung für Smart Citys“ an der Technischen Hochschule Köln. 2017 verlieh die Beijing Information Science & Technology University (BISTU) ihr eine Honorarprofessur. Im gleichen Jahr veranstaltete Prof. Etezadzadeh gemeinsam mit der Messe Frankfurt die erste Smart City Convention, „Blisscity“. Mit dem Band „Smart City – Made in Germany“, den sie mit über 140 Mitwirkenden gestaltet hat und der 2020 im Springer Verlag erschienen ist, legte sie ein deutsches Standardwerk zum Thema Smart City vor.

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  • Smart City

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