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E-Mobility Tanken
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Der Wandel an den Tankstellen: Von der Zapf- zur Ladesäule?

Die Tage der Verbrenner-Motoren scheinen gezählt: Wegen des Klimawandels und politischer Vorgaben wollen große Autokonzerne bald nur noch Fahrzeuge mit Elektromotoren herstellen. Die Käufer von Neuwagen entscheiden sich schon jetzt immer öfter für ein batteriebetriebenes Fahrzeug. Doch was wird in der elektrischen Zukunft aus den klassischen Tankstellen?

Egal ob PKW oder LKW: Die Fahrt zur Zapfsäule gehört einfach zum Leben dazu. Nach dem Auftanken im Tankstellen-Shop noch schnell einen Snack kaufen, Kaffee mitnehmen – und schon geht es wieder auf die Straße. Aber diese Routine könnte schon bald der Vergangenheit angehören oder sich zumindest stark verändern. Denn mit Benzin und Diesel als Treibstoff für unsere Autos soll bald Schluss sein. Um die Erwärmung unseres Planeten zu begrenzen, wollen die Menschen den Ausstoß von CO2 reduzieren und von Verbrenner-Motoren auf alternative Energien umsteigen. Dabei wird vor allem die Antriebswende Richtung Elektromobilität Auswirkungen auf das klassische Tankstellengeschäft haben. Schließlich sollen laut den Plänen der Bundesregierung bis 2030 bereits 15 Millionen Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs sein. Sind die klassischen Tankstellen-Betreiber darauf vorbereitet?

Joachim Jäckel, Vorsitzender des Bundesverbands Tankstellen und Gewerbliche Autowäsche Deutschland
Joachim Jäckel, Vorsitzender des Bundesverbands Tankstellen und Gewerbliche Autowäsche Deutschland, sieht noch einige Probleme für die Tankstellen bei der Antriebswende zur Elektromobilität.

"Im Tankstellenbereich ist der Wandel zur E-Mobilität noch nicht im umfassenden Ausmaß zur Kenntnis genommen worden", sagt dazu Joachim Jäckel, Vorsitzender des Bundesverbands Tankstellen und Gewerbliche Autowäsche Deutschland (BTG - Minden). Denn trotz politischer Verlautbarungen und Ankündigungen großer Autokonzerne, bald keine Verbrenner-Fahrzeuge mehr produzieren zu wollen, sei derzeit noch nicht absehbar, wie sich der Markt des Elektroladens entwickeln werde. Dass die bisherigen Zapfsäulen überall einfach durch E-Ladestationen ersetzt werden können, glaubt Jäckel nicht. "Das ist mit sehr hohen Investitionen verbunden, die kleine Betreiber nicht so einfach stemmen können."

Hoher Investitionsbedarf

Aral-Sprecherin Eva Kelm
Aral-Sprecherin Eva Kelm sagt, dass ihr Unternehmen zum größten Anbieter von Ladestrom für Elektromobilität an Tankstellen werden will.

Mit neuen Geräten, Mitarbeiter-Schulungen und vor allem dem Ausbau der Strom-Infrastruktur können hier schnell Kosten jenseits der 100.000 Euro anfallen. "Und dann ist noch nicht mal gewährleistet, dass die örtlichen Energieversorger den notwendigen Strom in ausreichender Leistung zur Verfügung stellen können." Überhaupt gebe es unter den Mitgliedern seines Verbands, zu denen kleine Betreiber genauso wie große Konzerne zählen, keine Existenzängste. Im Gegenteil: Es würden immer noch neue Tankstellen für Benzin und Diesel gebaut und die Investitionstätigkeit sei ungebrochen. "Mittelständler können gut rechnen und wollen für die nächsten 15 bis 20 Jahre profitabel wirtschaften."

Auch der Betreiber des mit rund 2.400 Stationen größten Tankstellen-Netzes in Deutschland glaubt nicht daran, dass die Antriebswende von heute auf morgen kommen wird. "Wir gehen davon aus, dass auch 2030 noch mehr als 30 Millionen Fahrzeuge mit klassischen Verbrenner-Motoren auf deutschen Straßen unterwegs sein werden", sagt Eva Kelm, Sprecherin von Aral. Wenn der Ausstoß von CO2 durch Kraftstoffe im Straßenverkehr bis dahin trotzdem um ein Viertel reduziert werden soll, gehe das nur über andere Dekarbonisierungsoptionen beim Flüssigkraftstoff, zum Beispiel über Biokomponenten, synthetische Herstellung (E-Fuels) oder Flüssigerdgas (LNG) im Schwerlastverkehr.  

Von der Tankstelle zum Mobilitätsknotenpunkt

Aral rechnet allerdings schon damit, dass die Antriebswende kommt. "Wir haben uns deshalb zum Ziel gesetzt, führender Anbieter von Ladestrom für Elektromobilität an Tankstellen zu werden", sagt Kelm. Darüber hinaus geht Aral davon aus, dass das Geschäftsmodell an die neuen Bedingungen des Klimazeitalters angepasst werden muss: "Die Tankstelle wandelt sich von einem Anlaufpunkt zum Tanken zu einem Mobilitätsknotenpunkt, wo Kundinnen und Kunden die komplette Bandbreite ihrer individuellen Mobilitätsbedürfnisse erfüllen können." An solchen Knotenpunkten könnten sich zum Beispiel auch Supermärkte, Car-Sharing und Paket-Stationen befinden. In Berlin laufe derzeit ein entsprechendes Versuchsprojekt.

Dr. Julia Jarass vom Institut für Verkehrsforschung des DLR
Dr. Julia Jarass vom Institut für Verkehrsforschung des DLR hat die Tankstellen der Zukunft in einer Studie untersucht.

Um die Bedürfnisse der Tankstellen-Kunden von morgen genauer zu untersuchen, hat Aral zusammen mit dem Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt eine entsprechende Studie gemacht. Was sind die Ergebnisse? "Es stimmt, dass Ladestationen für Elektroautos künftig die Rolle eines intermodalen Knotens einnehmen könnten, etwa auch als Umsteigepunkt für den Fern- und Regionalverkehr", sagt Dr. Julia Jarass, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Verkehrsforschung des DLR. Sie hat die Studie mitverfasst. Dabei müsse bei der Entwicklung aber zwischen Stadt und Land unterschieden werden.

In Großstädten werde das Angebot durch Schnellladesäulen, Batteriewechselstationen für Zweiräder, Mikro-Depots für Pakete und intermodale Mobilitätsangebote ergänzt. "Auch Luft-Taxis sind denkbar, die eine besonders kurze Reisezeit zu wichtigen Knoten, wie etwa Flughäfen ermöglichen." Auf dem Land werde es hingegen weniger Bedarf für Ladesäulen geben, weil die Menschen dort ihre Autos am Stromnetz des eigenen Hauses aufladen können, sagt Jarass. Sie geht davon aus, dass insbesondere dort Bedarf an Ladestationen sein wird, wo keine Lademöglichkeit zu Hause oder am Arbeitsplatz besteht. "Und das wird eher in Großstädten und an Autobahnen der Fall sein als in ländlichen Wohngebieten."

Genaue Entwicklung ist noch ungewiss

Für Verbrenner-Tankstellen sieht Joachim Jäckel im ländlichen Bereich hingegen gute Möglichkeiten. "Auf dem Land haben klassische Tankstellen für Benzin und Diesel durch die Ausdünnung des Netzes eine bessere Situation als in der Großstadt", sagt er. Im urbanen Bereich werde der Verkehr hingegen zunehmend aus den Stadtzentren verdrängt. "Hinzu kommt, dass Grund und Boden in Städten immer teurer werden, so dass das Tankstellen-Geschäft nicht mehr attraktiv ist." Er kenne einen Betreiber aus München, der trotz Spitzenumsätzen deswegen aufgeben musste. Auch das Argument, weil das Aufladen von Elektrobatterien länger daure als das Betanken mit Flüssigkraftstoff, könnten Tankstellen andere Dienstleistungen anbieten, sieht Jäckel in der Praxis bislang nicht bestätigt. "Oft kaufen sich die Fahrer im Shop einen Coffee-to-go und warten in ihrem Elektroauto, die mit großen Displays und Internetzugang immer mehr zu mobilen Entertainment-Zentren werden."

Sowieso werde das Beladen von E-Autos mit der Weiterentwicklung der Technik bald ähnlich kurz dauern, wie an klassischen Zapfsäulen, meinen auch die Macher der DLR-Studie. Bei Aral wird schon jetzt an diesem Ziel gearbeitet: "Allein im vergangenen Jahr sind über 500 neue Schnellladestationen in Betrieb genommen worden, die kompatible E-Fahrzeuge mit bis zu 350kW Ökostrom beladen können", sagt Sprecherin Kelm. Dies entspreche etwa 350 Kilometern Reichweite in zehn Minuten. Insgesamt habe sich die Zahl dieser "Aral pulse" Ladepunkte im Vergleich zum Vorjahr verfünffacht.

Wie aber können sich auch kleinere Tankstellenbetreiber auf die Antriebswende einstellen? "Die Situation ist für jeden Standort etwas anders, deswegen sind pauschale Ratschläge nicht möglich", sagt der BTG-Vorsitzende Jäckel. Grundsätzlich sei es aber gut, wenn die Betreiber das Tankstellengeschäft mit besonderen Nischen kombinieren, die sie für Kunden attraktiv machen. So hätten sich in der Praxis Modelle mit einem Kiosk oder Imbiss bewährt. "Ein Betreiber in Norddeutschland ist zum Beispiel sehr erfolgreich als Anbieter für den Pferdebedarf", fügt er hinzu. Vor allem sei es wichtig, sich von der aktuellen Debatte nicht verrückt machen zu lassen. "Momentan wird fast ausschließlich über die E-Mobilität geredet." Aber es könnten bald auch CO2-neutrale synthetische E-Fuels wieder stärker in den Fokus rücken, sagt Jäckel und fügt hinzu: "Dann müssten sich die Tankstellen weniger wandeln als bisher gedacht."

Stephan Zieger, Geschäftsführer Bundesverband Freier Tankstellen e.V.

"Die freien Tankstellen stehen der Antriebswende grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber. Da die Elektromobilität massiv von der Politik gefördert wird, müssen sich auch die klassischen Tankstellen darauf einstellen. Die hohen Investitionen für eine Umrüstung von Flüssigkraftstoff auf E-Ladesäulen sind für kleine Betreiber aber oft nicht zu stemmen. Vor allem im Bereich der Energie-Infrastruktur wünschen wir uns, dass die öffentliche Hand die Betreiber gezielter unterstützt.“

Stephan Zieger, Geschäftsführer Bundesverband Freier Tankstellen e.V.

Thomas Voigt, Geschäftsführer der FLACO GmbH

"In Zukunft werden auch CO2-neutrale E-Fuels einen wichtigen Beitrag für einen klimaneutralen Straßenverkehr leisten. Wir unterstützen die Tankstellen dabei als kompetenter Partner für AdBlue®-Tankkonzepte, denn die Kunden erwarten heute diesen wirtschaftlichen und komfortablen Service. Die führenden Automobilhersteller setzen bei Dieselfahrzeugen auf Einspritzung von AdBlue® zur Reduktion von Stickoxiden im SCR-Katalysator. Mit der Verschärfung der Normen um Stickstoff-Emissionen wächst der Verbrauch von AdBlue® in Diesel-PKW. Es wird hier einen massiven Anstieg der Verbrauchsmengen und Nachfüllprozesse geben.“

Thomas Voigt, Geschäftsführer der FLACO GmbH

Prof. Dr. Meike Jipp, Direktorin des Instituts für Verkehrsforschung des DLR

"Tankstellen werden künftig auch eine wichtige Rolle für autonom fahrende Flottenfahrzeuge spielen. Denn diese benötigen Dienste, die gebündelt an Tankstellen angesiedelt sein können. Vor allem in städtisch geprägten Gebieten, wo prinzipiell weniger Flächen als auf dem Land zur Verfügung stehen, könnten Tankstellen Service-Stationen für autonome Flotten werden, wo Fahrzeuge gewartet und geladen werden."

Prof. Dr. Meike Jipp, Direktorin des Instituts für Verkehrsforschung des DLR

Alexander Junge, Vorstandsmitglied von Aral und verantwortlich für den Geschäftsbereich Elektromobilität

„Wir freuen uns immer mehr Kundinnen und Kunden ultraschnelles Laden anbieten zu können. Aus unserer Sicht ist das ein wichtiges Angebot für die Mobilität der Zukunft. Dabei zeigen Umfragen, dass die Themen Reichweite und Ladeinfrastruktur nach wie vor Argumente gegen den Kauf eines E-Fahrzeugs sind. Mit unseren Ultraschnell-Ladesäulen laden wir die Fahrzeuge in wenigen Minuten auf und zeigen damit, dass E-Autofahrende beim Thema Ladegeschwindigkeit und damit Komfort keine Abstriche mehr machen müssen.“

Alexander Junge, Vorstandsmitglied von Aral und verantwortlich für den Geschäftsbereich Elektromobilität

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  • Future Mobility
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