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Mobilität in der City

„Die nachhaltigste Großstadt Deutschlands“

Anfang 2020 wurde Osnabrück als nachhaltigste Großstadt Deutschlands ausgezeichnet. Grund dafür sind auch die fortschrittlichen Mobilitäts- und Logistiklösungen, mit denen die 165.000-Einwohner-Stadt Vorbild für andere Städte sein kann. Drei innovative Beispiele aus Osnabrück.

Wer je mit Auto oder Zug in Norddeutschland unterwegs war, kennt Osnabrück. Hier kreuzen sich die Ost-West- und Nord-Süd-Verbindungen von Autobahnen und Schienennetz. Diese verkehrstechnisch günstige Lage trägt sicher zu den forcierten Entwicklungen in der Logistik rund um die Stadt bei. Und auch in der innerstädtischen Mobilität gibt es Innovationen. Doch es gibt noch weitere Gründe, warum Osnabrück beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2020 als nachhaltigste Großstadt Deutschlands ausgezeichnet wurde. Drei Beispiele zeigen, was die Stadt richtig macht.

An den Endhaltestellen werden die Busse der Stadtwerke Osnabrück im Schnellladeverfahren geladen (Foto: Stadtwerke Osnabrück/Daniel Ohlinger)
An den Endhaltestellen werden die Busse der Stadtwerke Osnabrück im Schnellladeverfahren geladen (Foto: Stadtwerke Osnabrück/Daniel Ohlinger)

Stadtwerke Osnabrück: Elektrisch, digital und vernetzt

Sie sind längst ein gewohntes Bild in der Stadt, die rot-grünen Gelenkbusse mit den charakteristischen verkleideten Rädern in der Mitte und hinten. Seit März 2019 fährt die Linie M1 zwischen den Stadtteilen Düstrup und Haste voll elektrisch mit 13 Fahrzeugen des Herstellers VDL. Damit ist hier, nach Aussage der Stadtwerke Osnabrück, bereits jetzt die größte E-Gelenkbusflotte Deutschlands unterwegs. Und weitere 49 Busse des niederländischen Herstellers werden 2021 angeschafft. Mit ihnen werden dann die Metrobuslinien 2 bis 5 und damit alle Hauptachsen des innerstädtischen öffentlichen Personennahverkehrs elektrifiziert.

„E-Busse sind in der Beschaffung etwa doppelt so teuer wie konventionell angetriebene Busse“, erklärt Dr. Stephan Rolfes, Mobilitätsvorstand der Stadtwerke. Doch durch die geringeren Betriebskosten und die staatliche E-Mobilitätsförderung sei der Betrieb wirtschaftlich. „Außerdem verursachen die E-Busse geringere Emissionen bei Lärm und Luftschadstoffen und erhöhen dadurch die Lebensqualität in der Stadt.“ Ein Weiter-so mit konventionellen Antrieben sei keine Alternative für die Stadtwerke gewesen. „Als kommunales ,Unternehmen Lebensqualität‘ und zentraler Infrastrukturdienstleister für die gesamte Region sehen wir uns in der Verantwortung, nachhaltiges unternehmerisches Handeln vorzuleben“, betont Rolfes.

Im Alltagsbetrieb haben sich die E-Busse bisher sehr gut bewährt und bis Mitte Juli 2020 insgesamt 900.000 Kilometer rein elektrisch zurückgelegt. „Sie haben unsere Erwartungen voll und ganz erfüllt“, unterstreicht der Mobilitätsvorstand. Auch der Ladevorgang schränkt die Verfügbarkeit der Fahrzeuge nicht ein. Auf zwei Arten werden die Busse geladen: Bei der sogenannten Gelegenheitsladung werden die Busse an den Endhaltestellen mit einer hohen Ladung von bis zu 350 kW zehn Minuten lang geladen – eine Zeit, die der Busfahrer als Pause nutzt. Über Nacht auf dem Betriebshof wird dann das Fahrzeug per Langsamladung mit bis zu 50 kW geladen.

„Der ÖPNV von morgen ist elektrisch, digital und vernetzt“, betont Dr. Rolfes. „In Verbindung mit unseren anderen, teils bereits vorhandenen Sharing-Angeboten bildet der ÖPNV das starke Rückgrat der Mobilität in Osnabrück und der Region.“

Der Sun Glider schwebt geräuschlos auf Stelzen über dem Mittelstreifen einer Straße (Foto: Sun Glider)
Der Sun Glider schwebt geräuschlos auf Stelzen über dem Mittelstreifen einer Straße (Foto: Sun Glider)

Sun Glider: Geräuschlose Schwebebahn

Eine Bahn schwebt geräuschlos auf Stelzen über dem Mittelstreifen einer Straße. Darunter gehen Menschen an einem Bach spazieren. Alle 750 Meter ist eine Station dieser Schwebebahn, wo die Fahrgäste zusteigen können. Die acht Meter langen, bis zu 26 Passagiere fassenden Bahnen fahren autonom, dank einer lernenden künstlichen Intelligenz wissen sie, wo mit besonders vielen Fahrgästen zu rechnen ist. Außerdem ist die gesamte Strecke von Solarpanels überzogen und erzeugt mehr Strom als die Bahn verbraucht.

Das ist die Vision des Start-ups Sun Glider aus Osnabrück. Und aus Sicht von Projektentwickler Ulrich Hartwig ist es mehr als nur eine Vision. Zurzeit schieben die Osnabrücker Gründer ihre Machbarkeitsstudie wieder an, die während Corona ins Stocken kam. 2024 soll eine Teststrecke gebaut werden. Die Martinistraße, die aus Richtung Westen in die Stadt hineinführt, muss ohnehin neu gestaltet werden. Sie soll nach dem Willen des Teams um die Ideengeber Prof. Dr. Dieter Otten und Dipl.-Ing. Heiner Gerbracht mit einer drei Kilometer langen Teststrecke des Sun Gliders ausgerüstet werden.

Die Kosten für einen Kilometer liegen laut Sun Glider bei etwa 3,5 Millionen Euro. Das sei deutlich weniger als konventionelle Straßenbauprojekte kosten. Hergestellt werden sollen 80 Prozent der Teile per 3-D-Druck. Über die Möglichkeiten der Produktion ist das Start-up mit mehreren Unternehmen aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen im Gespräch.

Der Sun Glider, so ist das Team des Start-ups überzeugt, kann als neuartiges ÖPNV-System einen großen Beitrag zur Nachhaltigkeit und Lebensqualität in der Stadt leisten. Durch die Verlagerung des Transports in die obere Etage werden am Boden Flächen frei, die die Einwohner für Freizeit und Erholung nutzen können. Die Bahnen fahren mit emissionsfreiem Strom und praktisch geräuschlos. Deshalb können sie rund um die Uhr betrieben werden. Und zu weniger stark nachgefragten Zeiten sollen auch Cargo-Waggons unterwegs sein, die dann etwa Waren an die Händler in der Innenstadt liefern.

Bei der Waggontechnik greift Sun Glider auf Fahrzeuge eines amerikanischen Herstellers zurück. „Wir nehmen deren Busmodell Olli und setzen die Räder einfach nach oben“, sagt Hartwig und lacht. Die Antriebsmotoren sitzen direkt in den Rädern. An den Haltestellen werden per Induktion für 30 bis 40 Sekunden Kondensatoren geladen, die dann Impulsstrom an die Räder liefern. Eine im Zweifelsfall schwere Batterie braucht es damit nicht.

Am wichtigsten ist für Ulrich Hartwig aber ein anderer Aspekt: Nach eigenen Berechnungen erzeugen die Solarpanels des Sun Gliders dauerhaft 15 bis 20 Prozent mehr Energie, als das System verbraucht. „Der Sun Glider kostet damit kein Geld, er bringt Geld. Das ist die Sensation.“

Mit einem E-Lkw versorgt Meyer & Meyer Bekleidungsgeschäfte in Peine und Umgebung (Foto: Meyer & Meyer)
Mit einem E-Lkw versorgt Meyer & Meyer Bekleidungsgeschäfte in Peine und Umgebung (Foto: Meyer & Meyer)

Meyer & Meyer: Alternative Antriebe in der Logistik

Dem September 2020 fiebert Rolf Meyer, Aufsichtsrat der Meyer & Meyer-Gruppe, entgegen. Dann stellt das Osnabrücker Logistikunternehmen sein Projekt Route Charge vor. Wie bei der Postkutsche die Pferde, werden dabei bei einem E-Lkw die Batterien ausgetauscht.

Meyer & Meyer ist einer der führenden deutschen Fashion-Logistiker und transportiert unter anderem die Ware eines großen Textilunternehmens von dessen Zentrallager in Peine nach Berlin. Auf halber Strecke in Magdeburg wird das Batterieset eines elektrischen Lkw durch ein frisches ersetzt. Mit einem Satz Batterien würde der 16-Tonner mit Anhänger den ganzen Weg nicht schaffen. Rolf Meyer hat das Projekt gemeinsam mit seinen Aufsichtsratskollegen Michael Meyer und Dr. Clemens Haskamp zentral von Osnabrück aus entwickelt und mit Bijan Abdolrahimi eigens für den Bereich alternativer Antriebe einen Ingenieur eingestellt. Bei dem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Projekt hat Meyer & Meyer die Konsortialleitung, wissenschaftlich begleitet wird es vom Fraunhofer Institut Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik IPK sowie dem Fachbereich Logistik und dem DAI-Labor an der Technischen Universität Berlin.

Das Unternehmen verfolgt noch weitere Maßnahmen für eine nachhaltigere Logistik. Im Raum Peine betreibt Meyer & Meyer einen weiteren E-Lkw, der von dem mittelständischen Unternehmen Orten Electric-Trucks umgerüstet wurde, und im Überlandverkehr zwei Lang-Lkw, die sich ideal eignen, um hängende Textilien zu befördern. Damit lässt sich mit einer Fahrt deutlich mehr Ware transportieren. Und da Bekleidung vergleichsweise leicht ist, bekommt man auch keine Probleme mit dem zulässigen Gesamtgewicht.

„Bei der Entwicklung alternativer Konzepte in der Logistik haben wir jetzt 20 Jahre verschlafen“, spricht Rolf Meyer Klartext. Es sei jetzt höchste Zeit, etwas gegen den Klimawandel zu tun. „Seit 2016 bin ich ja nur noch Aufsichtsrat und habe nun mehr Zeit, mich um solche Fragen zu kümmern“, schmunzelt Meyer. Das sieht er durchaus als seine Mission: Er arbeitet in verschiedenen Gremien mit und tauscht sich permanent mit Kollegen aus, um so auch andere zu inspirieren und mitzureißen auf dem Weg zu einer saubereren Logistik. Demnächst will er ein Projekt rund um Wasserstoff und Brennstoffzellen zur Förderung einreichen. Außerdem berät Meyer mit seinem Unternehmen City Wow Kommunen, wie sie die Citylogistik verbessern und das Problem der verstopften Innenstädte angehen können.

Dass eine Stadt wie Osnabrück zu einem Treiber alternativer Logistikkonzepte werden kann, liegt auch an Persönlichkeiten wie Meyer, betont Prof. Dr.-Ing. Bert Leerkamp vom Lehr- und Forschungsgebiet für Güterverkehrsplanung und Transportlogistik der Bergischen Universität Wuppertal. „Die Industrie produziert noch keine serienmäßigen E-Lkw und macht damit ein Feld frei, auf dem sich ein Rolf Meyer bewegt – ein engagierter innovativer Logistiker, der mit kleinen Unternehmen zusammenarbeitet, die sich auf die Umrüstung von Verbrenner-Lkw auf elektrischen Antrieb spezialisiert haben.“

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  • Alternative Antriebe

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