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Letzte Meile

Logistik bis ins Wohnzimmer

Während die Logistikbranche in ihrer Zulieferung zunehmend effizienter und nachhaltiger wird, bleibt oft die eigentliche Zustellung das Problem. Doch warum kommt die Pizza noch heiß an und das Paket erst im dritten Anlauf? Neue Lösungen für die allerletzte Meile.

4 Milliarden Pakete – ein neuer Rekord. Das ist die Anzahl der Kurier-, Express- und Paketsendungen, die laut Bundesverband Paket und Expresslogistik (BIEK) 2020 in Deutschland verschickt wurden. Vor 20 Jahren waren es noch knapp 1,7 Milliarden Pakete. Haupttreiber des Anstiegs ist der Privatkundenbereich. Durch den anhaltend boomenden Onlinehandel steigt das Volumen an bestellten Waren in etlichen Märkten enorm, die Coronapandemie hat diesen Effekt weiter verstärkt. Hinzu kommt, dass immer mehr Einzelhändler sogenannte Fast Moving Consumer Goods an ihre Kunden liefern. Seit Kurzem wird das Thema etwa durch On-demand-Lieferungen für Lebensmittel und Essen noch dringlicher. Start-ups wie Gorillas , Flink und Wolt haben laut Lukas Wrede von der MHP Management- und IT-Beratung allein 2021 mehr als zehn Milliarden Euro an Investorengeldern eingesammelt. „Der Umsatz bei den Fast Moving Consumer Goods wird sich von 25 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020 auf 72 Milliarden US-Dollar 2025 fast verdreifachen. Dieses rasante Wachstum, bedingt durch die Coronapandemie und ein sich änderndes Nutzerverhalten, bedeutet neue Herausforderungen sowohl für die Unternehmen als auch für die Städte“, so Wrede.

Im Gleichschritt mit dem steigenden Sendungsvolumen und den zunehmenden On-demand-Lieferungen wachsen auch die Anforderungen der Kunden – und damit steigt die Komplexität für die Logistikdienstleister. Immer mehr Kunden erwarten Same Day Delivery, die Zustellung zum Wunschzeitpunkt und die Möglichkeit, den Lieferort noch in letzter Minute ändern zu können. Hinzu kommt ein massiver Wettbewerbsdruck, weil nicht nur E-Commerce-Riesen wie Amazon oder Ebay eigene Flotten aufbauen, sondern auch neue Player mit smarten Ansätzen und Transportmitteln auf den Markt drängen. So stößt nicht nur die Logistikbranche, sondern auch die Verkehrsinfrastruktur vieler Städte zunehmend an ihre Grenzen. Denn während Logistikdienstleister seit Jahren nachrüsten, um in ihrer Zulieferung nicht nur auf der letzten Meile effizienter und nachhaltiger zu werden, bleiben die letzten Meter oft das Problem: Durch doppelte Lieferwege, retournierte Sendungen und das Lagern zur Abholung fällt die Bilanz hinter das durchaus mögliche grüne Ziel zurück.

Das Problem: Logistik kostet nichts

Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke fordert einen Philosophiewandel (Foto: U. Wolf)
Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke fordert einen Philosophiewandel (Foto: U. Wolf)

Doch warum kommt die Pizza noch heiß an und das Paket erst im dritten Anlauf? Die Antwort sei simpel, sagt Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke, Professor für Produktionsmanagement und Logistik an der Frankfurt University of Applied Sciences und Direktor am Research Lab for Urban Transport: „Für die Pizza ist man zu Hause, für Warensendungen nicht. Das Problem: Logistik kostet die Kunden nichts. Die großen E-Commerce-Händler verlangen keine Versandkosten, gleichzeitig gehen in manchen Konsumbereichen fast die Hälfte der Waren zurück. Die Logistikdienstleister versuchen, ihre Effizienz zu steigern, doch sie kommen kaum gegen diesen Teufelskreis an“, so Schocke.

Um die Belieferung zu verbessern und den Stau auf der letzten Meile zu umgehen, forscht Schocke in einem Verbundprojekt an der Paketzustellung auf der letzten Meile mit Straßenbahnen: Sendungen werden in einem Cityhub am Stadtrand erst in standardisierte Container, dann auf umgebaute Straßen-, S- oder U-Bahnen verladen und an diverse Haltestellen in der Innenstadt geliefert. Von dort aus übernehmen E-Cargobikes die Verteilung an die Empfänger. Diese dreistufige Lieferkette spart Kosten und bis zu 60 Prozent der Emissionen.

Es braucht einen Philosophiewandel

„Die Auslieferung mit dem Fahrrad auf der letzten Meile ist sinnvoll und etabliert sich immer mehr. Für essenziell halte ich aber vor allem Mikrodepots“, sagt Schocke. „Glücklicherweise wächst auch hier das Bewusstsein. Doch die freien Flächen in der Stadt sind rar und teuer, und man müsste die Innenstadt mit solchen Boxen überschwemmen, damit sich Menschen bewusst dafür entscheiden, Pakete dorthin liefern zu lassen. Dafür muss man verschiedene Akteure zusammenbringen und noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Und vor allem müssen die Städte den Willen und den Mut dazu haben.“

Schocke arbeitet selbst gerade daran, ein neutrales Depot auf dem Campus der Frankfurt University of Applied Sciences hochzuziehen. In Hamburg etwa gibt es mit der HamburgBox ebenfalls neutrale Depots. Einen Bewusstseinswandel und eine ökologische Sensibilisierung könnte es geben, wenn die großen Onlinehändler Versandkosten auf die Sendungen oder zumindest die Retouren erheben würden. „Produkte über Nacht nach Hause geliefert zu bekommen, ist doch eine großartige Leistung – das darf auch etwas kosten!“, ist Schocke überzeugt.

Digitale Zugangssysteme vereinfachen Paketempfang

„Die letzte Meile rückt auch für Immobilienunternehmen immer stärker in den Fokus“, sagt Laura Wagener (Foto: LEG)
„Die letzte Meile rückt auch für Immobilienunternehmen immer stärker in den Fokus“, sagt Laura Wagener (Foto: LEG)

Amazon und Co. arbeiten derweil an eigenen Lösungen. In einem Pilotversuch, der im Dezember 2020 startete, testet der Versandriese in Kooperation mit dem Wohnungsunternehmen LEG aus Nordrhein-Westfalen das digitale Zugangssystem Key for Business. „Das System ist eine rein digitale Lösung, bei der die Eintrittsmöglichkeit ins jeweilige Gebäude immer nur für eine kurze Zeitspanne und einen konkreten Lieferanlass generiert und danach wieder vollständig gelöscht wird“, erklärt Laura Wagener, Leiterin der Abteilung Operative Optimierung und Projekte bei der LEG.

Die Kooperation ist in Deutschland bislang einzigartig und hat viele Vorteile: Der Paketempfang wird spürbar vereinfacht, doppelte Anfahrten werden überflüssig und es entstehen keine zusätzlichen Kosten für die Mieter. „Die Resonanz unserer Mieter war ausschließlich positiv, und wir haben das System inzwischen auf weitere Standorte ausgeweitet“, so Wagener. Das System kann aktuell nicht von anderen Händlern und Logistikdienstleistern genutzt werden, deshalb baut die LEG auch mit DHL sukzessive weitere Paketboxen-Angebote – je nach individuellem Bedarf und nach Nachfrage – an ihren Standorten aus und verhandelt regelmäßig mit weiteren Speditionsdienstleistern. „Der Themenkomplex der letzten Meile beschäftigt uns intensiv und wird auch zukünftig noch stärker im Fokus stehen“, ergänzt Wagener.

Es passiert viel auf der letzten Meile. Schocke erwartet bis Mitte der 2030er-Jahre eine vollständig emissionsfreie Lieferung und kleine quartiersbezogene Lager in den Städten: „Gleichzeitig müssen unbedingt die Mobilitätsangebote des ÖPNV stärker wachsen. Es braucht zentrale Knotenpunkte in Städten, wo man von der Bahn umsteigt, zum Beispiel auf das Fahrrad, oder ein Carsharing-Auto mit Strom volltankt und bei der Gelegenheit sein Paket abholt. Das halte ich für visionärer als Drohnen und Zustellroboter – und dann verschwindet auch immer mehr Verkehr von den Straßen.“

Lukas Wrede, Senior Manager und Experte für Last Mile and City Logistics MHP Management- und IT-Beratung GmbH
Lukas Wrede, Senior Manager und Experte für Last Mile and City Logistics MHP Management- und IT-Beratung GmbH

„Sowohl Paketdienste als auch Empfänger benötigen eine sichere, flexible und nachweisbare Form der Paketübergabe am Zielort. Eine mögliche Lösung sind intelligente Paketkästen für zu Hause. Sie schützen vor Diebstahl und garantieren eine erfolgreiche Zustellung, indem der Lieferdienst die Box des Empfängers im Vorfeld automatisch reserviert und freihält. Darüber hinaus wird nach Plänen einiger Lieferdienste die Zustellung bis zur Haustür zukünftig nur gegen eine Gebühr beim Empfänger ermöglicht. Dadurch wird der Ausbau von Zustellhubs in Form von Paketkästen und anderweitigen Points of Interest vorangetrieben. Zudem werden Lieferdienste in Zukunft verstärkt auf umweltfreundliche Vehikel wie Elektrofahrzeuge und Lastenräder setzen, um Fahrverbote zu umgehen. Die Entwicklung autonomer Lieferfahrzeuge und Zustellroboter zeigt schon jetzt die Zukunft auf der letzten Meile, den marktreifen, flächendeckenden Einsatz werden wir in Europa jedoch eher mittelfristig sehen.“

Andreas Krämer, Pressesprecher PENNY
Andreas Krämer, Pressesprecher PENNY

„Der Onlinehandel mit Lebensmitteln boomt. Die vergangenen Monate im Rahmen der Coronapandemie haben diesen Trend noch verstärkt. Als erster Discounter in Deutschland bieten wir unseren Kunden die Möglichkeit, sich Lebensmittel bequem nach Hause liefern zu lassen. In einem Pilotprojekt in Hamburg, Berlin und Köln überprüfen wir in der Praxis, ob es bei den Kunden eine entsprechende Nachfrage gibt.“

Karen van der Linde, Projektleiterin Hamburger Hochbahn
Karen van der Linde, Projektleiterin Hamburger Hochbahn

„Das im Januar 2021 eröffnete Mikrodepot in der Hamburger Altstadt, das wir im Rahmen des RealLabHH zunächst als Piloten angelegt haben, hat unsere Erwartungen übertroffen. Im Sommer lagen wir bereits bei einem Paketumschlag von monatlich 17.000. Das zeigt: Die Lösung eines zentralen und anbieterübergreifenden Umschlagspunkts, der eine Feinverteilung per Lastenrad ermöglicht und so die Straßen entlastet, bietet einen echten Mehrwert – und zwar für Anbieter und Stadt gleichermaßen. Neben diesem Depot haben wir ein zweites am Hamburger ZOB eingerichtet, das sich auf die Partnerschaft mit Start-ups aus dem nachhaltigen Logistikbereich fokussiert. Beide Ansätze zeigen, dass Mikrodepots helfen können, den innerstädtischen Gesamtverkehr zu entlasten und gleichzeitig Emissionen zu reduzieren.“

Frank M. Rinderknecht, CEO Rinspeed AG
Frank M. Rinderknecht, CEO Rinspeed AG

„Last Mile ist einfach, das Handover aber nicht. Hochleistungsrechner können die effizientesten Fahrstrecken berechnen, aber sie tragen keine Pakete zum Empfänger. Was nun? Die Drohne und der immens teure und komplexe Droide werden es kaum richten. Das angedachte Szenario des Just-in-time-Straßenrand-Zusammentreffens ist unvorhersehbar, ungenau, sehr kundenunfreundlich und ineffizient. Die mobilen Packstationen des Rinspeed ,CitySnap‘ – die auch ganz andere Dinge als Pakete ausgeben können – bieten einen innovativen Lösungsansatz für heute und für das automatisierte Morgen. Denn: Beim ,CitySnap‘ wird der Fahrer seiner Berufsbezeichnung exklusiv gerecht, alles andere geschieht schon heute vollautomatisiert."

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  • Transport & Logistics