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„Ich stelle mir eine Postwachstumsgesellschaft vor, die nicht ständig alle Leute überall hinbringt. Das benötigt eine Stadt der kurzen Wege“, sagt Prof. Dr. Gesa Ziemer, Leiterin des CityScienceLab an der HCU Hamburg (Foto: privat)
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5 Fragen an Prof. Dr. Gesa Ziemer

Entschleunigung der Mobilität

Prof. Dr. Gesa Ziemer leitet das CityScienceLab an der HafenCity Universität Hamburg und forscht über die Zukunft der Städte und die Mobilität von morgen. Statt über immer neuere Technologien zu reden, fordert sie eine Stadt der kurzen Wege – und eine Entschleunigung der Mobilität.

Intermodalität, Vernetzung, Sharing, Elektromobilität und autonomes Fahren sind die Megatrends, die die Mobilität von morgen bestimmen. Welcher dieser Trends hat Ihrer Ansicht nach die größte Bedeutung für die innerstädtische Mobilität?

Neue Technologien sind wichtig, vor allem der öffentliche Verkehr muss ausgebaut werden. Ich sehe aber auch noch einen ganz anderen Aspekt: die Entschleunigung der Mobilität. Ich glaube, dass wir uns alle viel zu viel fortbewegen, und das oft für unsinnige Sachen. Das beobachte ich auch in meinem Alltag. Wir werden an Konferenzen nach Shanghai oder Kiew eingeladen, um dort einen Fünf-Minuten-Input zu geben. Das ist doch völlig absurd.

Wie könnte so eine Entschleunigung denn aussehen?

Ich stelle mir eine Stadtgesellschaft vor, die nicht ständig alle Leute überall hinbringt. Das benötigt eine Stadt der kurzen Wege. Das wiederum schafft man, indem man innerhalb der Stadt wieder viel mehr selbst erzeugt, um Transportwege zu sparen. Und die Digitalisierung hilft uns ja enorm beim Wegesparen. Die Skype-Technologie wird beispielsweise immer besser, sodass man nicht mehr zu allen Meetings fahren muss. Ein interessanter Aspekt dabei ist die Virtualisierung und Augmentisierung der Kommunikation. Im Moment skypen wir ja noch über einen Bildschirm, also eine plane Fläche. Aber wenn wir irgendwann die Gelegenheit haben, uns mit einer Person auf der anderen Seite der Welt in einem virtuellen Raum so gut zu unterhalten, als würde man nebeneinander stehen und dabei auch noch gemeinsam durch das Lab spazieren und Dinge virtuell vor Ort durchführen – dann müssen wir auch seltener ans andere Ende der Welt fliegen.

Noch reisen Sie sehr viel um die ganze Welt – welche Stadt hat Ihrer Ansicht nach das beste Mobilitätskonzept?

Mobilität ist stark kulturabhängig, und Aspekte wie Topografie und Wetter spielen natürlich auch eine große Rolle. Oft machen auch alte Stadtstrukturen, beispielsweise enge Straßen oder alter Baumbestand, eine Veränderung schwer möglich. Zwei tolle Beispiele sind Kopenhagen und Amsterdam. Allein deshalb, weil die Autos aus vielen Teilen der Innenstadt verbannt sind und viele Menschen Fahrrad fahren. Und wenn man sich eine Stadt ohne vollgestellte Parkplätze vorstellt, hat man plötzlich sehr viel öffentlichen Raum zur Verfügung. Deshalb verweilen die Menschen in Städten wie Kopenhagen oder Amsterdam einfach viel mehr auf ihren öffentlichen Plätzen. Das ist eine riesengroße Qualität in einer Stadt. 

Durchschnittlich 23 Stunden am Tag steht ein privater Pkw in Deutschland still. Kann es für Privatfahrzeuge überhaupt eine Zukunft in den Städten geben?

Meine Antwort ist ganz klar: nein. Ich sehe noch Fahrzeuge im Liefer- und Güterbereich, aber die privaten Pkws müssen raus aus den Innenstädten. Dafür sehe ich ganz viele verschiedene kleine Verkehrsvehikel, die sich fließend bewegen. Die sind immer in Bewegung und stehen kaum still. Mobility on demand, also das Kombinieren verschiedener Fahrzeuge, wird der neue Trend. Das ist meiner Meinung nach entscheidend. So reduzieren wir Parkraum, und die Menschen können sich fließender fortbewegen. Und ich glaube auch, dass die Autoindustrie zukünftig keine Automobile im eigentlichen Sinne mehr bauen wird, sondern sie wird neue Geschäftsmodelle auf Basis dieser unterschiedlichen Vehikel entwickeln, die ja vor allem Datenproduzenten sind. Die Zukunft der Automobilindustrie beinhaltet neue Geschäftsmodelle, die aufgrund von vielen und neuen Daten entstehen. Dabei ist mir aber wichtig, dass die Daten nicht alle in die Unternehmen gehen. Das ist im Moment noch ein großes Problem. Die Städte sind nun mal auf technische Innovationen und die Hilfe von Unternehmen angewiesen. Die Daten müssen jedoch in der Stadt für alle Bürgerinnen und Bürger zugänglich bleiben.

Wie erwarten Sie den Verkehr in einer europäischen Großstadt im Jahr 2030? Welchen Verkehrsmix wird es geben? Welche Rolle werden heute noch utopisch wirkende Lösungen wie vollautonome Fahrzeuge und Lufttaxis spielen?

Ich sehe, wie gesagt, nur noch wenige klassische Fahrzeuge im Liefer- und Güterbereich und vor allem sich fließend bewegende Verkehrsvehikel. Den Luftverkehr sehe ich nicht, zumindest nicht im größeren Ausmaß. Wir haben gerade die Tendenz, den Verkehr in die Luft zu packen, weil auf der Erde zu viele Fahrzeuge fahren. Es kann aber nicht die Lösung sein, diese alle in den Himmel zu verfrachten. Ich glaube, dass der Luftverkehr letztendlich zu teuer ist und eher zum exklusiven Transportmittel für reiche Menschen wird. Ansonsten komme ich wieder zurück zu meinem ursprünglichen Punkt: Ich sehe Entschleunigung. Ich sehe, dass die Menschen wieder mehr zu Fuß gehen und Fahrrad fahren, aber sich generell einfach weniger fortbewegen.

Über Prof. Dr. Gesa Ziemer

Prof. Dr. Gesa Ziemer ist Professorin für Kulturtheorie und kulturelle Praxis, Vizepräsidentin Forschung an der HafenCity Universität Hamburg und leitet das CityScienceLab. Darin forscht die HafenCity Universität gemeinsam mit dem MIT Media Lab in Cambridge, Massachusetts, über die Zukunft der Städte und die Mobilität von morgen. Die Forschergruppe arbeitet an agentenbasierten Modellen und Bürgerbeteiligungstools zum Thema Mobilität. Das MIT hat das Persuasive Electric Vehicle entwickelt, ein autonom fahrendes Fahrrad und Transportvehikel. Gesa Ziemer ist außerdem Mitglied im Lenkungskreis Intelligent Transportation Systems (ITS) für die Wissenschaft der Stadt Hamburg.

Micro Mobility

Für kurze Wege bieten auch elektrisierte Kleinstfahrzeuge eine umweltfreundliche und kostengünstige Alternative zum Auto. Denn auch auf deutschen Straßen sollen Vehikel wie elektrische Roller oder Hoverboards bald ganz legal fahren dürfen. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, richtet die kommende Hypermotion einen Micro-Mobility-Parcours ein, bei dem Anbieter ihre Leichtfahrzeuge für den Personen- und Lastenverkehr präsentieren: Neben Monowheels und Segways dürfen auch E-Bikes, Cargo-Bikes und E-Scooter ausprobiert werden.

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