Überspringen
E-Mobilität Werkstatt
Zurück zur Übersicht

E-Mobilität

Elektroschock für Werkstätten?

Um den steigenden Anteil an E-Autos betreuen zu können, kommen auf die Werkstätten neue Anforderungen zu. Sie müssen Know-how aufbauen und in innovative Analysetechnik investieren. Parallel zu den steigenden Aufwänden können die Erlösaussichten sinken, weil Elektrofahrzeuge wartungsärmer sind. Was also bedeutet die Elektromobilität für Werkstätten?

Eine Million Elektrofahrzeuge werden 2022 auf Deutschlands Straßen fahren, wenn sich die jüngste Prognose der Nationalen Plattform Elektromobilität erfüllt. Bis 2030 – so das formulierte Ziel der Bundesregierung – sollen es sogar bereits sieben bis zehn Millionen zugelassene Elektrofahrzeuge sein. Die aktuellen Zahlen bestätigen diese Dynamik. 2020 hat sich die Zahl der neu zugelassenen E-Autos laut Kraftfahrt-Bundesamt verdreifacht: Angeschoben von staatlicher Förderung und neuen Modellen wurden 194.000 rein batterieelektrische Pkw neu zugelassen, das waren sieben Prozent aller Neuzulassungen. Im ersten Halbjahr 2021 waren es sogar schon 149.000 rein batterieelektrische Pkw und 164.000 Plug-in-Hybride.

Zunächst gibt es an diesen Neuwagen wenig zu machen, aber schon bald werden die Fahrzeughalter Kfz-Werkstätten für Reparaturen und Routinechecks aufsuchen. Dort ist die Stimmung geteilt. „Ich sehe eine ganz klare Veränderung auf uns zukommen“, sagt etwa Jeffrey Kilian, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Freie Werkstätten im Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK). Auf diesen Umschwung müsse sich die Branche gut vorbereiten. „Doch es gibt noch viele Werkstätten, die sich dieser Veränderung verwehren oder die das überfordert“, sagt Kilian, der selbst Inhaber der freien Kfz-Werkstatt Auto Kilian (ehemals Schäfer & Schmidt) mit acht Mitarbeitern ist. Viele müssten erst noch aus ihrer Komfortzone herauskommen, Know-how aufbauen, neue Technik und Ausrüstung anschaffen und sich besser vernetzen.

Das Wichtigste: Know-how aufbauen

Jeffrey Kilian, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Freie Werkstätten im ZDK
Jeffrey Kilian, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Freie Werkstätten im ZDK, blickt optimistisch in die Zukunft (Foto: ZDK)

Um die Werkstätten in dieser Umstellung zu unterstützen, bieten der ZDK und dessen Akademie Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (TAK) zahlreiche Schulungen für die Mitarbeitenden von Werkstätten an. Es gibt drei professionelle Qualifikationsstufen für Arbeiten an Fahrzeugen mit Hochvolt-Systemen: Mit der Stufe 1S können Kfz-Mechatroniker allgemeine Arbeiten am Fahrzeug, die nicht unmittelbar das Hochvolt-System betreffen, durchführen. Mit 2S können sie an einem E-Auto arbeiten, das nicht unter Spannung steht, und mit 3S Reparaturen unter Spannung durchführen. „Unsere Azubis im Bereich Kfz-Mechatroniker besitzen mit dem Berufsabschluss bereits die Qualifikation nach der Stufe 2S“, so Kilian. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Schulungsangebote und Portale von Verbänden und aus der Industrie wie beispielsweise die Zukunftswerkstatt 4.0, das Werkstattportal Repxpert von Schaeffler oder die mobile Telematik- und Kommunikationslösung vjumi. Auch die Diagnosetechnik und -software, die die Werkstätten in ihrer täglichen Arbeit einsetzen, werden zunehmend smarter und besser vernetzt.

Sinkende Umsätze durch E-Mobilität?

Martin Dillinger von TÜV Rheinland
Martin Dillinger von TÜV Rheinland ruft Werkstätten dazu auf, sich mit den Chancen der Elektromobilität auseinanderzusetzen (Foto: TÜV Rheinland)

Doch die gedämpfte Stimmung entsteht nicht nur aus Unsicherheit und Überforderung. Die Werkstätten haben vor allem Angst vor möglichen Umsatzeinbußen, da die meisten Studien davon ausgehen, dass mit dem steigenden Anteil an Elektroautos die Umsätze im Automotive Aftermarket und im Werkstattgeschäft zurückgehen werden. Der Grund: Rein batterieelektrisch betriebene Fahrzeuge verfügen über weniger Verschleißteile als konventionelle Pkw mit Verbrennungsmotor und sind somit wartungsärmer. Zudem rechnen Experten mit einem um ein Drittel reduzierten Verschleiß an Bremsbelägen und Bremsscheiben. „Derzeit wird ein Drittel des Service-Gesamtumsatzes im Service allein im Antriebsstrang erwirtschaftet“, sagt Martin Dillinger, Experte für alternative Antriebe im Future Mobility Team von TÜV Rheinland. Im Durchschnitt ließen sich heute pro Jahr etwa 790 Euro Umsatz an einem konventionell angetriebenen Auto erzielen. Beim E-Auto sinke dieser Betrag auf nur noch 540 Euro. „Allenfalls bei den Kühlsystemen von Antriebsbatterie und Antriebsaggregaten von Elektroautos sowie im Reifengeschäft ist ein Umsatzplus denkbar“, sagt Dillinger.

Demnach würde eine reine Elektromobilität den Bedarf an Reparaturen, Wartung und Ersatzteilen um bis zu 76 Prozent gegenüber konventionellen Autos im Extremfall senken. Auch laut der internationalen Unternehmensberatung Bain & Company werden die Service-Umsätze pro Pkw durch die Elektromobilität in den kommenden Jahren nachhaltig zurückgehen: Bis 2035 sollen sich die jährlichen Einbußen auf 5,5 Prozent belaufen.

Jeffrey Kilian vom ZDK blickt hingegen optimistischer in die Zukunft: „Wir haben bei E-Fahrzeugen zwar weniger Verschleißteile, aber man kann das nicht pauschalisieren.“ Für manche Autohersteller, insbesondere im Nutzfahrzeugbereich, hält er die Wartung sogar für umfangreicher, weil an deren Elektrotechnik mehr geprüft werden müsse. Auch bei Plug-in-Hybriden bestünden bei der Wartung nur minimale Unterschiede gegenüber Verbrennern, weil das Hybrid-System technisch komplexer ist. „Es ist jetzt wichtig, die Chancen und Potenziale zu erkennen.“

Neue Geschäftsmodelle und Jobmöglichkeiten

Die gute Nachricht für die Branche lautet: Der Umbruch findet Stück für Stück statt. Das klassische Geschäft mit Verbrennern bleibt erst einmal bestehen. 2035 werden Experten zufolge weltweit etwa 1,5 Milliarden Autos unterwegs sein. Die meisten von ihnen werden mit einem klassischen Antriebsstrang ausgestattet sein. „Diese Fahrzeuge brauchen weiterhin einen Service mit kurzen Wartungsintervallen, Luft- und Ölfiltern, Zahn- und Keilriemen und so weiter. Kfz-Betriebe sollten ihre Hoffnungen aber nicht auf einen langsamen Wandel setzen – das wäre angesichts der Dynamik der Transformation fahrlässig“, so Dillinger. Vielmehr sollten Werkstätten die Übergangszeit ab jetzt nutzen, um sich mit neuen Geschäftsmodellen auseinanderzusetzen und die damit verbundenen Beschäftigungschancen zu ergreifen. Nach einer aktuellen Studie der Boston Consulting Group (BCG) und Agora Verkehrswende aus 2021 wird die Anzahl der Stellen in der automobilen Arbeitswelt in Deutschland bis 2030 insgesamt konstant bleiben. Doch im Zuge der Elektrifizierung komme es zu signifikanten Veränderungen von Berufsfeldern und Verschiebungen der Arbeitsplätze zwischen den beteiligten Industriezweigen.

Das bietet viele neue Möglichkeiten, zumal Elektromobilität auch mit neuen Materialien und Verbundwerkstoffen einhergeht. Wenn Kfz-Betriebe ihre Kompetenz in diesem Bereich ausbauen, können sie sich neue Aufgabenfelder erschließen. Ein weiterer, oft noch unterschätzter Aspekt ist die fachgerechte Entsorgung von Elektrofahrzeugen, insbesondere der Batterien. Es gibt unterschiedliche Recycling- oder Nutzungskonzepte für Akkus wie zum Beispiel die Nutzung als Pufferspeicher und Energiequelle im Keller eines Hauses. Auch hier können für Werkstätten neue Geschäftsmodelle entstehen. Die Branche darf also durchaus mehr Optimismus wagen – oder wie Jeffrey Kilian sagt: „Auch das E-Auto hat vier schwarze, runde Reifen und der E-Motor ist auch ein Motor, der eben nur anders arbeitet.“

Werner Arpogaus, Geschäftsführer TEXA Deutschland
Werner Arpogaus, Geschäftsführer TEXA Deutschland

„Die Mobilität revolutioniert sich. Die Werkstätten werden gezwungen sein, sich permanent und intensiv mit dem Thema E-Mobilität zu beschäftigen, ihre Mitarbeiter zu qualifizieren und eine aktuelle Multimarkendiagnose zu erstellen. Keine freie Werkstatt wird es sich in der Zukunft erlauben können, Kunden mit E-Fahrzeugen zur Konkurrenz zu schicken. TEXA ist Spezialist und Vorreiter in der Diagnosebranche und stellt den Kunden mit der IDC5 Multimarkendiagnose ein intuitives und smartes Hilfsmittel zur Seite, das durch die Diagnose führt. Die Software wird stetig verbesserrt und derzeit monatlich und in Zukunft wöchentlich upgedatet, sodass wir eine der besten Modellabdeckungen im Markt gewährleisten können.“

Stefan Tolle, President & General Manager Automotive Aftermarket MANN+HUMMEL
Stefan Tolle, President & General Manager Automotive Aftermarket MANN+HUMMEL

„Seit 80 Jahren gestalten wir bei MANN+HUMMEL gemeinsam mit unseren Kunden die Zukunft der Mobilität. Egal ob früher per Verbrenner und künftig batterieelektrisch, mit Brennstoffzelle oder synthetischen Kraftstoffen betrieben: Unsere Filtrationslösungen sind ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu saubererer Mobilität. Wir sind nicht nur Partner der Fahrzeughersteller, sondern auch der Werkstätten und des Handels. Unser Wissen und unsere Expertise teilen wir online und offline. Wir haben einen eigenen E-Mobility-Onlineshop und für unser Onlinetraining wurden wir jüngst ausgezeichnet. Unsere Partner aus dem Werkstattumfeld holen wir über einen eigenen Club ab. In der Zukunftswerkstatt 4.0 des Instituts für Automobilwirtschaft ist MANN+HUMMEL der Vertragspartner, der den Kunden im Aftermarket exklusiv das Potenzial der Filtration aufzeigt.“

Thomas Aukamm, Hauptgeschäftsführer Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik e. V.
Thomas Aukamm, Hauptgeschäftsführer Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik e. V.

„Die Betriebe müssen rechtzeitig damit beginnen, in das richtige Know-how und Equipment zu investieren, um E-Fahrzeuge reparieren zu dürfen. Die richtige Ausstattung im Betrieb, die für die Reparatur von Elektro- oder Hybridfahrzeugen benötigt wird, besteht beispielsweise aus einer persönlichen Schutzausrüstung, Quarantäneplatz, Brandschutz, Spezialwerkzeugen, Ladeinfrastruktur und aktuellen Reparaturinformationen. Die richtige und notwendige Qualifizierung des Personals entsprechend der Vorgaben von 1S bis 3S sowie der damit verbundene Schulungsaufwand müssen ebenso in den Betriebsablauf hinein geplant werden.“

Philippe Colpron, Head of ZF Aftermarket ZF Friedrichshafen AG
Philippe Colpron, Head of ZF Aftermarket ZF Friedrichshafen AG

 „Der globale Aftermarket verändert sich an mehreren Fronten und für ZF Aftermarket ist es ein zentrales Anliegen, Techniker und Werkstätten durch Zugang zu Informationen, Schulungen, Onlinesupport und mit Diagnose- und Softwarelösungen zu unterstützen. Grundsätzlich reduziert sich der klassische After-Sales-Servicebedarf pro Fahrzeug. Aber es besteht noch Servicebedarf und die Werkstätten müssen ihr Personal auf die notwendigen Qualifikationen für Arbeiten an Hochvoltanlagen vorbereiten, wenn sie das E-Business erhalten wollen. Die Nachfrage nach unseren Schulungen für E-Fahrzeuge ist deshalb auch extrem hoch. Wir streben danach, den höchstmöglichen Standard an technischem Wissen bereitzustellen, um Werkstätten noch wettbewerbsfähiger zu machen.“

Tags

  • Alternative Antriebe