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Business Travel

Beginnt jetzt das Dauerreisen?

Viele Besprechungen funktionieren auch gut digital – das hat die Pandemie gezeigt. Wird somit in Zukunft die Zahl der Geschäftsreisen unter dem Vor-Corona-Niveau bleiben? Oder geht die Reisetätigkeit wieder steil nach oben, wie andere vermuten? Die Experten sind sich uneinig. Stimmen aus Wissenschaft und Industrie

Fast 200 Millionen Geschäftsreisen gab es 2019 laut dem Deutschen Reiseverband (DRV) allein aus Deutschland. Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat sie dann fast vollständig zum Erliegen gebracht. Weltweit sind die Ausgaben für Dienstreisen im dritten Quartal 2020 laut dem IT-Dienstleister Coupa um 97 Prozent gesunken. Die Anzahl der Flugreisen lag zeitweise sogar bei nur rund einem Prozent des Vorkrisenwerts. Damit fiel die Zahl der Geschäftsreisen deutlich stärker als die der Urlaubsreisen. Anders als in anderen Branchen, die sich nach dem ersten Lockdown wirtschaftlich wieder erholen konnten, verschärfte sich die Situation im Geschäftsreisemarkt gegen Ende des Jahres 2020 nochmals. Und noch immer sind die Folgen für die Zukunft von Reisen schwer abschätzbar.

Experten sagen voraus, dass Geschäftsreisen nach Corona zwar wieder ansteigen, aber langfristig unter Vorkrisenniveau bleiben. Die Fraport AG, Betreiber des größten deutschen Flughafens in Frankfurt am Main, verzeichnet beispielsweise seit einigen Wochen einen deutlichen Anstieg bei Geschäftsreisenden, insbesondere beim deutschen Mittelstand, doch langfristig rechnen die Verantwortlichen mit einem Rückgang von zehn bis 15 Prozent. Die jüngsten Ergebnisse aus der Barometerumfrage des Verband Deutsches Reisemanagement e.V. (VDR) aus dem Juli 2021 bestätigen diese Tendenz. Über 96 Prozent der Mitgliedsunternehmen glauben, dass Geschäftsreisen hinter dem Vorkrisenwert zurückbleiben werden.

Prof. Dr. Nora Szech erwartet einen langfristigen Rückgang an Geschäftsreisen (Foto: privat)
Prof. Dr. Nora Szech erwartet einen langfristigen Rückgang an Geschäftsreisen (Foto: privat)

Videokonferenzen sind akzeptiert

Wandern Business Meetings also überwiegend ins Digitale? Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass Geschäftsbeziehungen auch virtuell aufrechterhalten werden können – bei erheblichen Vorteilen fürs Klima. Nach einer Studie, die das Borderstep Institut im Auftrag des ökologischen Verkehrsclub Deutschland (VCD) im Februar 2021 abgeschlossen hat, könnte ein Drittel der Geschäftsreisen durch Videokonferenzen ersetzt werden. „Die Pandemie und die Lockdowns haben die Normen verändert. Es war plötzlich vollkommen akzeptiert, sich digital zu verabreden. Vieles ist dadurch einfacher geworden. Da keine Reisekosten anfallen, können Menschen und Unternehmen mit wenig Reisebudget viel einfacher an internationalen Meetings und Veranstaltungen teilnehmen“, sagt Prof. Dr. Nora Szech, Inhaberin des Lehrstuhls für Politische Ökonomie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Szech hat in den vergangenen Monaten repräsentative Studien auf der ganzen Welt durchgeführt. Das Ergebnis ist immer das gleiche: Egal ob in China, Südafrika oder Deutschland – überall erwarten die Menschen, dass es in Zukunft deutlich weniger Reisen als vor der Krise geben wird. „Sehr viele meiner Kollegen freuen sich, nicht mehr so oft gejetlagt zu sein. Eine verminderte Reisetätigkeit macht es auch für Menschen mit Familie einfacher, Berufs- und Privatleben miteinander zu verbinden“, so Szech.

Entscheidend für Prof. Dr. Reiner Eichenberger ist der technologische Fortschritt, der das Reisen nachhaltiger macht (Foto: privat)
Entscheidend für Prof. Dr. Reiner Eichenberger ist der technologische Fortschritt, der das Reisen nachhaltiger macht (Foto: privat)

Das neue Dauerreisen

Reiner Eichenberger, Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der schweizerischen Uni Fribourg, und David Stadelmann, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, sind allerdings vom Gegenteil überzeugt. Sie sagen: Jetzt beginnt das Dauerreisen!

„Viele glauben, die Virtualisierung unserer Kontakte senke den Nutzen des Reisens, und dass wir deshalb auch in Zukunft weniger reisen. Wir halten diesen Schluss für falsch. Denn es gibt starke Reisetreiber: Globalisierung, Wettbewerbsdruck und sinkende Reisekosten“, betont Prof. Stadelmann. Es sei einfacher und kostengünstiger geworden, den Kontakt zu Kunden, Partnern und Mitarbeitern auf Distanz zu pflegen, deshalb könnten sich auch kleinere Unternehmen globaler aufstellen. Und dann müssten die Kontakte ab und zu auch persönlich getroffen werden, was die Reisetätigkeit steigen lasse. Außerdem seien viele Unternehmen im letzten Jahr nicht gereist, weil auch die Konkurrenz nicht reiste. Der Wettbewerb werde nach dem Ende der meisten Reiseeinschränkungen aber schnell wieder aufblühen.

Der entscheidende Punkt seien aber die gesunkenen Reisekosten, wie Prof. Eichenberger betont: „Die größten Kosten bei Geschäftsreisen waren ja nicht der Flug, das Hotel und die Spesen, sondern die Zeit der Mitarbeiter. Die war beim Reisen vorher oft schlecht genutzt. Natürlich haben schon vor der Pandemie Manager unterwegs mit dem Laptop gearbeitet. Die enormen digitalen Fortschritte, die wir in den vergangenen Jahren und vor allem in den letzten Monaten gemacht haben, erlauben viel mehr Menschen die effizientere Nutzung der wertvollen Ressource Zeit. Jetzt bleibt die Produktivität auf Reisen ähnlich hoch wie am Arbeitsplatz oder im Homeoffice.“

Globalisierung, Wettbewerbsdruck und sinkende Reisekosten seien starke Treiber fürs Reisen, ist Prof. Dr. David Stadelmann überzeugt (Foto: privat)
Globalisierung, Wettbewerbsdruck und sinkende Reisekosten seien starke Treiber fürs Reisen, ist Prof. Dr. David Stadelmann überzeugt (Foto: privat)

Mehr Reisen, mehr Investition

„Diese Entwicklung hin zum Dauerreisen gilt nicht nur für Geschäftsreisen, sondern auch für private Reisen und Migration. Wenn Reisezeit keine verlorene Zeit ist und das Potenzial zum Kontakthalten – egal ob zu Geschäftspartnern oder der Familie – einfacher ist, wird mehr gereist und daraufhin auch mehr investiert, etwa in bessere Bandbreiten in der Bahn oder in gute Bildschirme in jedem Hotelzimmer, sodass das Dauerreisen noch attraktiver wird“, so Eichenberger. „Außerdem umgehen wir Stoßzeiten und Staus, weil sich der Reiseverkehr dank Virtualisierung unserer Kontakte weniger auf das Wochenende oder die Ferienzeit fokussiert“, ergänzt Stadelmann.

Große Chance oder große Gefahr?

Das klingt nach einer großen Chance für die Reiseanbieter, birgt aber auch die Gefahr, dass die Menschen noch gehetzter durch die Welt gehen – und die Klimabelastung weiter steigt. „Das Problem ist nicht das Dauerreisen an sich, es sind die dadurch verursachten negativen externen Effekte wie Umwelt-, Lärm- und Infrastrukturbelastung. Diese Effekte müssten bis zu einem gewissen Grad bepreist werden, durch eine Besteuerung von CO2 zum Beispiel oder durch eine Art Kurtaxe. Wir glauben aber nicht, dass man Reisen möglichst zurückdrängen sollte. Solange die Reisenden die von ihnen verursachten Kosten tragen, ist alles in Ordnung. Entscheidend ist technologischer Fortschritt, damit sich der Verkehr schneller nachhaltig entwickelt“, so Eichenberger und Stadelmann. Konzepte, die den negativen externen Effekten entgegenwirken, müssen stärker in den Fokus rücken. Dabei ist den beiden Ökonomen aber wichtig, dass die Lösungen in freien Märkten entwickelt, und nicht durch staatliche Vorgaben und Subventionen gesteuert werden. Der Staat hat nur eine Aufgabe bei der Förderung der Grundlagenforschung.

Vielversprechende Entwicklungen fürs nachhaltige Reisen sind natürlich grüner Wasserstoff als emissionsfreie Antriebsenergie, der auch im Flugverkehr eingesetzt werden kann, sowie Reisen mit dem Hyperloop. Und vielleicht setzen sich ja auch Mischformen bei den Meetings durch mit teils persönlich anwesenden und teils digital zugeschalteten Teilnehmern. „Gut gestaltete Hybridveranstaltungen bieten eine große Chance, das darf man nicht unterschätzen“, ergänzt Nora Szech. Unternehmen haben in der Pandemie jedenfalls gelernt, welche Geschäftsreisen nötig sind, wie man Geschäftsbeziehungen und Veranstaltungen auch digital gestalten kann und sind gut aufgestellt, um in Zukunft einen neuen, individuellen Mix aus persönlichen und digitalen Treffen zu finden.

Claus Grunow, Vice President Corporate Strategy & Digitalization, Fraport AG
Claus Grunow, Vice President Corporate Strategy & Digitalization, Fraport AG

„Wir können zwei gegenläufige Entwicklungen beobachten. Zum einen werden viele Reiseanlässe entfallen, weil Videokonferenzen sich etabliert haben und somit insbesondere kürzere und vor allem unternehmensinterne Termine auch weiterhin virtuell durchgeführt werden. Gegenläufig ist eine bereits in einigen Branchen sichtbare, weitere Globalisierung von Wertschöpfungsketten. Wurden vor Corona Produktionsstätten teilweise nur in einem Land betrieben, so werden diese zur Risikostreuung nunmehr auf mehrere Länder verteilt. In der Folge steigt der Bedarf an Geschäftsreisen. Wenn wir diese Entwicklungen übereinanderlegen, rechnen wir derzeit mit einem langfristigen Rückgang von zehn bis 15 Prozent gegenüber dem Vorkrisenniveau bei den Geschäftsreisen.“

Michael Storm, Vertriebsleiter NFZ Aftermarket DACH und Luxemburg, Auger Autotechnik GmbH
Michael Storm, Vertriebsleiter NFZ Aftermarket DACH und Luxemburg, Auger Autotechnik GmbH

„Virtuelle Kontakte ersetzen in keiner Weise die persönlichen. Ich denke, dass wir Geschäftsreisen nach der Pandemie wieder verstärkt aufnehmen werden, da wir in der Zwischenzeit das Vertriebsteam weiter aufgebaut haben. Für mich persönlich erwarte ich, dass ich wieder genauso viel unterwegs sein werde wie vor Ausbruch von Corona.“

Matthias Schultze, Geschäftsführer, GCB German Convention Bureau e.V.
Matthias Schultze, Geschäftsführer, GCB German Convention Bureau e.V.

„Reisen zu beruflich motivierten Veranstaltungen sind die größten Treiber im promotablen Geschäftsreisemarkt. Business Events setzen Impulse für Innovation und Veränderung – ihre Relevanz wird auch in Zukunft bestehen. Beschleunigt durch die Corona-Pandemie verändert sich das Ökosystem von Veranstaltungen derzeit aber sowohl quantitativ als auch qualitativ. So erwarten die Befragten des Meeting- & EventBarometers 2020/2021, dass die Präsenzteilnahme bis 2022 wieder 74 Prozent des Niveaus von 2019 erreichen wird. Die Online-Teilnahme wird im Vergleich zu 2019 um 39 Prozent ansteigen – gleichzeitig erhält der Wert persönlicher Begegnung an authentischen, realen Orten höhere Bedeutung. In diesem doppelten Fokus liegt großes Potenzial für die Zukunftsfähigkeit des Tagungs- und Kongressstandortes Deutschland.“

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