Überspringen
markus-spiske-DPdAG_-yvDQ-unsplash-(002)
Zurück zur Übersicht

Luftreinigungssysteme für Fahrzeuge

Ansaugen, abtöten – sauber!

Mit der Coronakrise gewinnt das Thema Luftqualität wieder mehr an Bedeutung – auch für Fahrzeughersteller und Zulieferer. Insbesondere in Bussen und Bahnen braucht es innovative Lösungen, damit Menschen wieder ohne Bedenken einsteigen.

Stickoxide, Pollen, Viren – unsere Luft scheint immer gefährlicher zu werden. Seit dem Abgasskandal rückt das Thema Luftqualität auch für die Automotive-Branche immer stärker in den Fokus, und seit Ausbruch der Coronapandemie steigt die Nachfrage nach Filtern und Luftreinigungssystemen immens.

Die Fahrzeughersteller und Zulieferer reagieren: Daimler Buses verbaut seit diesem Jahr serienmäßig neue Aktivfilter in seinen Omnibussen. Volvo hat für seine Autos einen elektrostatischen Filter angekündigt, der kleinste Partikel abfängt. Geely bietet für zahlreiche Modelle nun Filter an, die vor Viren schützen sollen. Tesla verbaut auf Wunsch einen Filter, der sogar gegen Biowaffen schützen soll. Und Zulieferer wie Mann+Hummel oder Heraeus Noblelight rüsten ebenfalls mit innovativen Lösungen nach.

ÖPNV – Luftqualität ist essenziell

Mitchell Johnson
Gute Luft im Bus? Ob die Menschen massenhaft in den ÖPNV zurückkehren, hängt auch damit zusammen, wie weit sie der Luftqualität in Bussen und Bahnen vertrauen (Foto: Mitchell Johnson Unsplash)

Mehr noch als für private Pkw oder Carsharing-Fahrzeuge ist Luftqualität im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) essenziell. „Wer derzeit in einen Bus, in die Bahn oder ein Flugzeug steigt, tut das oft mit einem unguten Gefühl. Die Fahrgäste sind verunsichert, gemeinsam mit anderen Menschen auf engem Raum zu sitzen – und das teilweise auch zu Recht“, sagt Erich Siebein, Vertriebsingenieur von CleanTec Lighting. Das Leipziger Unternehmen setzt sich mit den innovativen Einsatzmöglichkeiten von Licht auseinander und fokussiert sich auf die Entwicklung von Luftentkeimungs- und Belichtungssytemen. Und hat damit schon weit vor Ausbruch der Coronapandemie begonnen.

Seit 2015 beschäftigt sich CleanTec Lighting mit der Bekämpfung von Krankheitserregern in der Luft, also Viren, Bakterien, Hefepilzen oder Sporen. Sein patentiertes und akkreditiertes System „CleanTec Air!“ tötet mittels UV-C-Strahlung 90 bis 99,9 Prozent der Krankheitserreger ab. Die Lösungen umfassen stationäre Geräte für Räume, Arztpraxen oder Bahnhofshallen sowie mobile Geräte für Verkehrsmittel und Sonderanfertigungen nach Kundenwunsch.

Entkeimen durch Strahlung

Cleantech
Setzen auf Filterung mit UV-Licht: Ingenieur Erich Siebein (l.) und CleanTec Lighting (Foto: CleanTec Lighting)

„UV-C-Strahlung ist ein energiestarkes Licht, das zur Desinfektion von Oberflächen und Luft genutzt wird. Seine Wirkung ist lange bekannt und wird schon seit Jahrzehnten bei der Reinigung von Trinkwasser, der Luftreinigung in Krankenhäusern und Flughafen-Terminals oder zur Desinfektion von Verpackungen verwendet“, erklärt Siebein. Die Geräte saugen die Umgebungsluft ein, entkeimen sie mittels Strahlung im Inneren des Geräts und geben sie wieder an den Raum ab. So wird die Luft stetig umgewälzt. Und zwar bis zu 2.500 Kubikmeter pro Stunde.

„Die globale Coronapandemie hat allen noch mal bewusst gemacht, wie wichtig und notwendig Hygiene ist“, bestätigt Tommy Chen, Entwickler und Produktmanager beim Lichtspezialisten Osram. Dessen Neuentwicklung, AirZing Mini, arbeitet mit UV-A-Licht und der Materialneuheit der Titandioxidbeschichtungen. Das Gerät saugt Luft an und leitet sie durch einen Titandioxidfilter. UV-A-Licht strahlt auf den Filter und aktiviert ihn. Es findet eine fotokatalytische Reaktion statt und Viren- und Bakterienzellen werden abgetötet. Die gereinigte Luft wird dann durch die Oberseite des Gehäuses wieder ausgestoßen.

„Die größte Herausforderung bei der Entwicklung war ein sehr enger Zeitrahmen nach dem Ausbruch der Pandemie. Doch wir haben es geschafft, den AirZing Mini in kurzer Zeit zu entwickeln und können ihn seit dem Herbst 2020 in England, Deutschland, Russland, China, den USA und weiteren Ländern auf der ganzen Welt anbieten.“

Tommy Chen

Produktion mit Branchenexperten

Auch CleanTec Lighting spürt die gesteigerte Nachfrage. „Wir führen derzeit Gespräche mit einem schweizerischen und einem französischen Zughersteller, konstruieren gemeinsam mit einem Sitzhersteller Mustersitze für Lkw und beraten einzelne Taxiunternehmen. Darüber hinaus entwickeln wir Konzepte für ein Konzerthaus in Leipzig und die Hochschule Heidenheim“, erklärt Siebein.

Für grundlegend hält Siebein, dass Fahrgäste und Personal wieder ohne Bedenken in Bus und Bahn steigen können. „Noch vor einem Jahr sprachen wir alle von der Mobilitätswende, dann kam Corona und alle sind doch wieder ins eigene Auto gestiegen. Das muss sich wieder ändern“, ergänzt er. Erste Verkehrsbetriebe wie die Hanauer Straßenbahn sowie der Padersprinter in Paderborn haben bereits reagiert und ihre Busflotte mit einem UV-C-Gerät beziehungsweise mit einem antiviralen Filter ausgestattet.

Neben fest installierten Geräten eignen sich insbesondere auch die mobilen Geräte von CleanTec Air für den Zugverkehr, für Busse oder private Pkw. „Unsere mobile Einheit kann man fest installieren, zum Beispiel unter den Passagiersitzen, oder einfach mitnehmen. Vom Büro ins Auto ins Schlafzimmer – so mache ich das mit meinem eigenen Gerät auch“, erzählt Siebein. Produziert wird in Zusammenarbeit mit zertifizierten Experten aus der Branche. Im Bereich Schienenverkehr arbeitet CleanTec Lighting etwa mit der Photon Meissener Technologies GmbH aus Sachsen zusammen, im Bereich Automotive mit der EDAG Engineering GmbH in Bayern. Die größte Herausfoderung dabei: Die Geräte müssen möglichst klein und gleichzeitig robust sein.

Neue Standards für die Mobilitätswende

Im Vergleich zu Filtern sieht Siebein die auf Licht basierten Luftreinigungssysteme klar im Vorteil: „Es braucht schon einen sehr guten Filter, damit er kleinste Viren abfangen kann. Und auch ein guter Filter muss häufig gewechselt werden. So entstehen nicht nur Folgekosten, sondern beim Wechseln können die gesammelten Erreger aus den Entlüftungskammern in die Luft entweichen. Unsere UV-C-Einheit kommt auf 9.000 Betriebsstunden, läuft ohne Chemie und ist deutlich klimaschonender.“

Doch ob Filter oder Lichtsystem – was es jetzt brauche, sei vor allem ein Bewusstsein für Luftqualität. „Für die Qualität von Boden und Wasser gibt es seit vielen Jahren Vorgaben und Gesetze, für die Luft aber höchstens ein paar wenige Regeln zum Feinstaub. Vorgaben bezüglich Viren und Erregern gibt es nicht. Beim Coronavirus konnten wir nun aber erleben, wie schnell so ein Virus sich in der ganzen Welt ausbreitet und unseren Alltag lahmlegt.“ Sein Appell: Die Politik muss die technischen Möglichkeiten fordern und fördern – und neue Standards setzen. Und Siebein ist sich sicher: „Nur wenn wir auch im ÖPNV standardmäßig Luftreinigungssysteme einbauen, können wir die Mobilitätswende schaffen!“

„Der Hanauer Straßenbahn war es wichtig, über die strengen Pandemie-Regeln hinaus proaktiv zu handeln und nicht zu warten, bis möglichst viele Menschen geimpft sind. Bislang haben wir 15 Busse und damit knapp ein Viertel unseres Fuhrparks mit UV-C-Technik ausgestattet.“

Joachim Haas-Feldmann

„Neue Aktivfilter steigern die Wirkung in den Klimasystemen der Omnibusse von Mercedes-Benz. Diese Hochleistungspartikelfilter verfügen zusätzlich über eine antivirale Funktionsschicht, die feinste Aerosole filtert. Der angenommene kritische Wert von 3.000 Aerosolen, die zu einer Infektion führen können, wird auch nach vier Stunden im Bus nicht erreicht.“

Gustav Tuschen

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass professionelle Geräte sehr gut geeignet sind, um die Aerosolpartikel-Konzentration in Räumen zu minimieren. In Pkw kann man über die Belüftung und leicht geöffnete Fenster viel Luftwechsel realisieren, sodass diese Geräte dort nicht unbedingt notwendig sind, um indirekte Infektionen zu verhindern.“

Prof. Christian J. Kähler

Tags

  • Future Mobility